Es liegt nicht in unserer Macht über unser Schicksal zu entscheiden....die Frage ist nur, was wir mit der Zeit anfangen die uns gegeben ist!!
Es ist nie selbstverständlich dass man wieder gesund nach Hirnverletzungen sein Leben weiter führen kann. Daher unterstütze ich gerne den Spirit von never give up den Daniel Albrecht ins Leben gerufen hat und mit Sivano Beltrametti weiter führt. Unterstütz doch bitte auch diese super Idee!!!!
Es war am Abend vom 03.01.2002 als ich während dem TV schauen meine rechte Körperseite immer weniger spürte. Ich kannte dieses Gefühl sehr gut von meiner ersten Hirnblutung 1999. Meiner Mutter gefiel das ganze ganz und gar nicht und meinte dass wir das am nächsten Tag unbedingt den Ärzten zeigen müssen, aber wir mal die Nacht abwarten wie es sich verhält.
Leider war der Zustand am nächsten Morgen noch nicht besser und ich musste das Training mit meinem damaligen Trainingspartner Michael Eigenstetter absagen.
Nach einem MRI im Kantonsspital und auf Rücksprache mit der Neurochirurgie im Uni Spital Zürich war der Entscheid sehr schnell gefällt dass ich unter diesen Umständen dieses Mal doch operieren muss, wovon das erste Mal noch abgesehen wurde.
Irgendwie realisierte ich noch nicht die Tragweite von dieser Diagnose. Ich verbrachte die ganze Nacht in der Intensiven, angehängt an hunderten von Kabeln etc. und als meine Freunde und Familie am nächsten Morgen am Bett standen noch Witze gemacht über diese ganze Sache, dass man auch den Alarm auslösen kann wenn man schnell atmet.
Kurz danach traten die Ärzte ins Zimmer und befreiten mich erstmals von den ganzen Kabeln. Sie erklärten mir dass bei einer zweiten Blutung definitiv operiert werden müsse. Mein einziger Gedanke dabei war.....wie lange darf ich nicht paddeln?
Die ernüchternde Antwort der Ärzte war 6-9 Monate. Das war für mich dermassen niederschmetternd dass ich nur noch heulend im Bett lag.
Am Abend rief ich meinen Trainer Christian Mähr an und sagte ihm er könne mich aus dem Team streichen und erklärte ihm meine Situation. Er motivierte mich dran zu bleiben und dass ich dies alles schaffen werde.
2 Stunden später stand er plötzlich in meinem Zimmer und ist von Schaffhausen extra zu mir in den Spital gefahren. Ganz klar einer der Momente die mir viel Kraft und Motivation gegeben hatte und die ich nie vergessen werde.
Später wurde ich nach Zürich verlegt und unterzog mich einigen Tests und Untersuchungen, die nicht immer sehr angenehm waren.
Darauf folgte die Besprechung mit dem Chirurgen und Professor Yasuhiro Yonekawa. Irgendwie war ich damals total gelassen, selbst dass das Restrisiko 5% betrage dass ich erblinde oder sogar sterben könnte dabei, nahm ich irgendwie einfach ganz gelassen hin. Für meine Eltern, vor allem für meine Mutter war das alles andere als einfach.
Am nächsten Morgen wurde ich nochmals ins MRI geschickt, da sie meine Bilder nicht mehr finden konnten. Diese dauerte jedoch lediglich 5 Minuten, da sie dann die Bilder doch wieder fanden.
Im Anästhesie Raum ging es dann sehr schnell. Mir wurde warm über dem ganzen Körper und schon war ich weg.
4 Stunden später lächelte mir dann meine Mutter mit einer Träne entgegen und meinte es sei alles bestens verlaufen.
Eine Weile später (keine Ahnung in welchem Zeitraum) kam noch Professor Yonekawa vorbei und ich durfte mich bei ihm in aller Form bedanken.
Die Rekonvaleszent Zeit im Spital war geprägt von harten Nächten, wo ich nicht selten Suizid Gedanken hatte, spastischen Anfällen, etwas speziellen Zimmernachbarn ausgenommen dem ersten der leider sehr früh wieder nach Hause gehen konnte.
Als ich dann endlich ganz kurze Zeit auf den Beinen stehen konnte, fand ich auf dem Balkon einen Besen…..da kam mir sofort die Idee dass ich mit dem doch anfangen trainieren könnte, da mir Tags davor die Ärzte gesagt haben, dass der letzte Patient, ein Kugelstösser nach 3 Monaten bereits wieder trainiert hatte.
Also setzte ich mich auf den Balkon Tisch und fing an zu paddeln. Nach kurzer Zeit ging ich total entkräftet ins Bett.
In den schwersten Nächten als es dann fast nicht mehr auszuhalten war, begann ich im Kopf Trainings auf dem See ab zu solvieren und stellte mir Bewegung, Anstrengung, Umgebung, Gefühl etc. vor.
Dies beruhigte sehr gut und ich hatte auch das Gefühl dass ich fitter wurde.
Nach 2 Wochen wurde ich nach Hause entlassen. Zu Hause hat meine Familie ein riesen Willkommens Plakat gemacht an der Türe. Leider bekam ich am nächsten Tag schon wieder spastische Symptome (die Kortison Dossierung wurde beim Austritt massiv reduziert) und musste wieder zurück ins Uni Spital. Dort wurde ich mit Kortison behandelt, bekam aber weder eine Ergotherapeutin, Psychologische Unterstützung oder sonst irgendetwas.
Wenigstens war ich etwas mobiler und schaffte es sogar mit dem Lift in die Cafeteria zu gehen. Brauchte jedoch immer sehr lange bis ich einen Zettel geschrieben habe, dass ich unten bin, da ich mit der rechten Seite nicht schreiben konnte.
Nach über einer Woche wurde ich nach Hause entlassen, diesmal ohne Veränderung der Kortison Dossierung
Es war eine spezielle Zeit in der ich aber meistens nach vorne geschaut habe, mich nur schon riesig gefreut habe das Joghurt ohne Hilfe der Zähne zu öffnen oder den Weg zum See den ich so vermisst habe (400 Meter) zu schaffen, das erste Mal nach 6 Wochen wieder im Kajak sass und nach 15 Minuten total entkräftet mit einem riesen Lächeln im Gesicht ausgestiegen bin, dem Cortison dass mich total entstellte und ich mich nicht dafür schämte mich in der Öffentlichkeit zu zeigen und meinen besten Freunden zu erklären wer ich bin, nach der ersten Osteopathie Behandlung bei Ton Isaak plötzlich wieder die Blätter an den Bäumen spürte, meiner damaligen Freundin Andrea die sehr gut zu mir geschaut hatte, die vielen Alkohol Exzesse um diesen ekligen Gefühl auf der rechten Seite zu entfliehen, der anschliessenden Zeit in Lausanne wo ich anfangs nur halbtags in die Schule konnte, viel geraucht habe, trotzdem gelegentlich paddeln ging- so gut ich Kraft dafür hatte, der Knieoperation infolge der Cortison überdossierung die eine recht lange Rekonvaleszents brauchte, der 3. Hirnblutung mit epileptischen Anfällen und und und…es gibt glaube ich noch tausende Eindrücke die mich zu dem gemacht haben, der ich heute bin.
In diesen Jahren hatte ich jedoch immer wieder Zwischenerfolge wie, dass ich sogar im 2002 noch an die Junioren WM in Bala (Wales) mitgenommen wurde (da bin ich der FAKO Abfahrt heute noch dankbar über diesen Entscheid), einigen Schweizermeistertitel in der Mannschaft und und und. Irgendwie fand ich aber nie zurück zu alter Stärke und resignierte. Ich betätigte mich in dieser Zeit als Assistenz Trainer der Junioren Nationalmannschaft und als Nachwuchsverantwortlicher des Schweizer Kanu Verbandes für die Wildwasser Abfahrt.
2007 begleitete ich die Junioren an die WM in Carolina nach meinem Abschluss für den medizinischen Masseur (wurde via Invalidenversicherung vom Schreiner zum med. Masseur umgeschult infolge der Kniebeschwerden). Gegen Schluss von diesem Trip, kam mir der Gedanke…..hey was die können kann ich schon lange und ich bin ja wieder praktisch gesund…..
Gesagt getan und ich arbeitete 1 ½ Jahre daran, reduzierte mein Arbeitspensum, professionalisierte Stück für Stück die Ernährung/Trainer/Mentalbereiche und schaffte es doch tatsächlich wieder zurück in die Nationalmannschaft.
Dies war wohl einer meiner emotionalsten Momente als ich mit der Schweizer Flagge einlaufen durfte an der EM 2009 in Italien. Ich heulte vor lauter Freude fast täglich im Hotel und genoss die Zeit mit meinem Bruder Fabio der extra vor dem definitiven Wechsel in die Kanu Regatta noch einmal mit kam um mich zu begleiten. Danke Fabio!!!!
Meine Freunde: ich hatte am Wintercup in Brugg 2002 mit Tränen im Gesicht versprochen dass ich wieder zurück komme und es schaffen werde…und da bin ich wieder!!!
Ich möchte Euch allen von ganzem Herzen danken dass ihr mich durch diese vielen schweren Momente getragen, mir Kraft gegeben und mich wieder aufgestellt habt als ich auf allen vieren gelaufen bin.
Einen ganz besonderen Dank möchte ich meinen Eltern, meinen Geschwistern, der ganzen Familie und den Menschen die so nah an mir beigestanden sind egal wie ich drauf war in den verschiedensten Phasen!!
Immer wieder im Training auf dem See wird mir bewusst was alles gegangen ist und wo ich heute stehe. Einfach der Wahnsinn!! Ohne Euch hätte ich das niemals geschafft!
DANKE!!!!
Silvan Wyss
Never give up!!!




